Indie-RPGs und der Mainstream neu interpretiert

Über das Leben

Gott, der die Erde geschaffen hat, Gott, der die Sonne schuf, um uns Licht zu geben, Gott, der den Ozean zurückhält, der den Donner grollen lässt. Unser Gott, der Ohren hat zu hören. Du, der du verborgen bist in den Wolken, der uns von dort beobachtet. Du sieht alles, was die Weißen uns an Leid zugefügt haben. Der Gott des weißen Mannes veranlasst ihn, Verbrechen zu begehen. Aber der Gott in uns will, das wir Gutes tun. Unser Gott, der so gut ist, so gerecht, er befiehlt uns, unsere ungerechte Behandlung zu rächen. Er ist es, der unsere Waffen führen wird und uns den Sieg bringen wird. Es ist er, der uns helfen wird. Wir alle sollten es wegwerfen, das Bild des weißen Mannes Gott, der so gnadenlos ist. Lauscht der Stimme der Freiheit, die in all unseren Herzen singt.

Locos Schmetterlinge im Garten der Lwa ist ein Alternate Reality Mysterie-Horror-Setting für Dogs in the Vineyard. Es basiert nur sehr lose auf historischen Tatsachen.

Am 14. August 1791 begann mit einer Voodoo-Zeremonie im Krokodilwald ein Sklavenaufstand, der von Dutty Boukman angeführt und von der Société des Amis des Noir unterstützt wurde und innerhalb weniger Wochen die ganze Insel erfasste. Unter schlimmen Verwüstungen und furchtbar blutigen Metzeleien wurden die meisten Weißen von der Insel vertrieben oder ermordet, die Plantage aufgeteilt und eine neue Gesellschaftsordnung aufgestellt. Voodoo wurde zur einzigen Religion und bestimmte das Denken und Handeln der Menschen. Die Teilung der Insel in französische und spanische Teile fand nie statt. Statt dessen ist Hispaniola ein eigenständiges Land, unabhängig von den ehemaligen Kolonialherren.

Gesellschaft

Die Menschen Hispaniolas leben in engen Gemeinschaften, die harte Sklavenzeit, die Schrecken der Revolution und die afrikanische Tradition haben sie zusammen geschweißt und die Religion hält sie aneinander gebunden. Niemand ist allein auf sich gestellt, im schlimmsten Fall ist man örtliche von anderen Menschen getrennt. Es gibt keine Hierarchie, aber die Gesellschaftsordnung beruht auf Anerkennung. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung erkennen die ehemaligen Sklaven nur noch spirituelle Führer an. Doch diese haben die Notwendigkeit einer über Dorfgrenzen und den Einfluss der Hougan und Mambo einer Region hinaus akzeptierten Instanz erkannt. Ausgebildet  durch die reiche Pariser Société des Amis des Noir in der Hauptstadt Pòtoprens werden die erfolgversprechendsten Jugendlichen ausgebildet, um als fahrende Richter und Glaubenswächter von Dorf zu Dorf zu reisen, Streit zu schlichten, Recht zu sprechen und nötigenfalls zu strafen. Sie werden die Schmetterlinge Locos genannt, nach der Lwa von Gerechtigkeit und Gesetz.

Kaum sind sie erwachsen geworden tragen sie mit Stolz die Insignien ihrer Macht: Eine neue, reich verzierte Machete, speziell für ihre Hände geschmiedet, den langen Umhang aus Segeltuch, der gewachst auch den stärksten Tropenstürmen trotzt und ihr persönliches Pferd. Manch einer nimmt auch eine der Musketen auf den Weg mit, doch das Klima macht die ohnehin unzuverlässige Waffe zu einer tickenden Zeitbombe.

Menschen außerhalb

Nur sehr wenige haben sich der Offenbarung des Voodoo verschlossen, meist sind es die geduldeten Weißen, die auf der Insel verblieben sind. Aber Voodoo ist keine Religion mit Absolutheitsanspruch, und so wurden zahlreiche katholische Elemente, vor allem die Marienverehrung, auf mehr oder weniger subtile Weise assimiliert. Die Weißen können daher durchaus als spirituelle Personen erscheinen, die einen Teil zum Glauben beitragen, aber selbst das ganze Bild nicht sehen. Es ist ein Fest, ihnen die Riten und Bräuche der afrikanischen Heimat nahe zu bringen, und wenn sie sich gar dem Voodoo öffnen, dann werden sie mit offenen Armen empfangen. Letztendlich müssen sie sich aber vor den Gesetzen und Regeln des Voodoo verantworten, ob sie nun daran glauben oder nicht…

Dörfer

Die meisten Dörfer konzentrieren sich um das nunmehr aufgeteilte Farmland einer großen Plantage, oft wird einfach das alte Herrenhaus mit den Nebengebäuden benutzt. Dorfgemeinschaften sind eher klein und umfassen selten mehr als 100 Personen. Ein typische Dorf enthält daher:

  • Viele Farmer und Viehzüchter
  • Einen Hougan (männlichen Priester) oder eine Mambo (weibliche Priesterin), oft auch beide. Sie sind spirituelle Führer und zugleich Schamanen
  • Einige Handwerker
  • Einen Koch
  • Eine Hebamme
  • mehrere fahrende Händler
  • einen Fetisch-Händler für Voodoo Ritualzubehör
  • Ein altes Herrenhaus im Kolonialstil, jetzt als Schule, Krankenlager, Ort für Voodoo-Zeremonien, Dorfversammlungen und anderes genutzt
  • die dazugehörigen Wirtschaftsgebäude (Ställe, Lager, Großküchen, Schmiede)
  • die ehemaligen Sklavenbaracken, jetzt erweitert, vergrößert und um zahlreiche weiteren Gebäude im selben Stil ergänzt als Schlafhütten für einzelne Familien genutzt.

Natürlich gibt es auch größere Siedlungen, bis hin zur Hauptstadt Pòtoprens. Dort gibt es zusätzlich auch:

  • Soldaten und eine Kaserne, manchmal auch ein Fort
  • einen Hafen
  • zahlreiche Seeleute und Fischer
  • Eine Vielzahl an Händlern, die Güter von benachbarten Insel oder sogar anderen Kontinenten führen
  • Ein Krankenhaus
  • Ein Kloster geduldeter katholischer Mönche

Nahrung, Kleidung, Werkzeuge und Fortbewegung

Als Grundnahrungsmittel sind in Küstennähe vor allem Fische und andere Erzeugnisse des Meeres, zu nennen. Im Inselinneren sind es hauptsächlich angebaute Hülsenfrüchte wie Linsen und Bohnen und Reis. Zu besonderen Anlässen wird auch Fleisch serviert, vor allem Geflügel, in kleinerem Maßstab auch Schwein oder Rind. Als Snack und Süßigkeit sind zahlreiche Früchte beliebt. Das ehemals die Plantagen dominierende Zuckerrohr wird gepresst und gehackt als süßes Getränk angeboten, oder aber vergoren und gebrannt zu hochprozentigem Schnaps verarbeitet.

Die meisten Bewohner der Insel sind ehemalige Sklaven und begannen ihr Leben in Freiheit mit der zerrissenen, lumpigen Kleidung, die sie trugen als einzigem Besitz. Diese Situation hat sich nicht grundlegend geändert, und so trifft man immer wieder auf spärlich bekleidete oder nackte Männer und Frauen. Kinder tragen traditionell keine Kleidung.

Die meisten Werkzeuge stammen noch aus der Zeit der Sklaverei und sind daher in einem eher schlechten Zustand, aber die geschickten Handwerker bauen nach und nach eine eigene Produktionskette auf. Doch es fehlt ihnen an Rohstoffen, und so sind neue Metallwerkzeuge ein großer Luxus.

Die klassische Fortbewegungsweise ist das Laufen. Große Teile der Insel sind von dichten Wäldern überzogen und können nur zu Fuß bewältigt werden. Vermögende können zumindest größere Strecken auch auf Pferden oder mit Kutschen zurücklegen. Aufgrund der zahlreichen Flüsse, Seen und natürlich in Küstennähe sind kleine Segelboote und Kanus verbreitet.

Waffen

Die Machete als Universalwerkzeug in der Zuckerrohrernte, dem Pflegen des Farmlandes und der Bedeutung als Buschmesser kommt der größte Stellenwert als Waffe zu. Die lange, breite Klinge ist im Nahkampf den meisten ursprünglich zum Kampf konzipierten Waffen mindestens ebenbürtig, und jedes Kind beherrscht die Machete wie einen Teil des eigenen Körpers. Schusswaffen existieren nur in Form von einschüssigen Gewehren mit gebohrten Läufen, sind nur in sehr begrenzter Menge verfügbar und leiden unter Unzuverlässigkeit, dem Mangel an Munition und trockenem Schwarzpulver und der langen Nachladezeit. Mehr zu dekorativen Zwecken werden Speere getragen, gerade in Küstennähe sind auch Harpunen im Einsatz.

Landschaft

Das Klima Hispaniolas ist so tropisch wie nur irgendwie denkbar, die drückende, feuchte Hitze das ganze Jahr über nahezu unverändert. Während die südlichen und westlichen Küstenregionen mit verhältnismäßig trockenen Wäldern bedeckt sind, dominiert im Norden und Osten der undurchdringliche feuchte Urwald. In den höher gelegenen Regionen erstrecken sich weite Kiefernwälder während im zentralen Tiefland Sümpfe, überschwemmte Savannen und sogar Salzseen zu finden sind. Vor den Küsten erstreckt sich der blaue Ozean so weit das Auge reicht, unterbrochen nur von den unangetasteten Riffen. Eine beeindruckende Vielfalt macht die Flora und Fauna einzigartig. Große Farmen, befreit von den Sklaventreibern, werden von freien Menschen bewirtschaftet, Zuckerrohrplantagen erstrecken sich so weit das Auge reicht.

Der Glaube

Das Einzige, was man den Sklaven nicht nehmen konnte, war ihr Glaube. Die mystische Götterwelt des afrikanischen Kontinents begleitete sie auf dem langen Seeweg, beschützte sie vor Tod und Krankheit, machte Demütigung, Folter und die tägliche Arbeit erträglicher. Letztendlich führte der Glaube sie in die Revolution und trieb die weißen Sklavenhalter in die Flucht oder den Tod. Die Einwohner Hispaniolas sind bescheiden, sie würden es nie wagen, den lieben Gott Bondye direkt anzurufen, sie wenden sich an die Lwa, die Heiligen ihres Glaubens. Während der Revolution waren die kriegerischen Petro-Aspekte des Glaubens wichtig, doch nun ist es an der Zeit, sich wieder auf die ruhigen, sanftmütigen Rada-Ursprünge der Religion zu besinnen. Zentraler Bestandteil des Glaubens sind die Zeremonien, die in der Besessenheit durch eine Lwa enden, dem sogenannten „Ritt“. Opfergaben spielen eine große Rolle. Es gibt kein zentrale Stelle, keine geordneten Hierarchien. Jeder Hougan oder jede Mambo führt den Glauben in ihrem Gebiet so wie sie es für richtig hält.

Die Lwa

Es gibt zahlreiche Lwa, je nach Glaubensapekt verehrte oder gefürchtete, manche sind nur lokal bekannt. Doch einige werden weithin als „Hauptlwa“ akzeptiert. Eine kleine Auswahl:

  1. Agwe: Herrscher über das Meer und die Flüsse, Schutzpatron von Fischern und Seeleuten. Ein junger, muskulöser Schwarzer, der entweder in Seemansuniform und mit viel Liebe für militärische Disziplin verehrt wird oder aber mit Schmuck aus dem Meer (Muscheln, Perlen, Seetang) behangen. Als Petro beherrschet er die Seeungeheuer und die Körper der Ertrunkenen.
  2. Baron Samedi: Herr der Toten. Er ist ein dürrer, älterer Mann in einem verrotten schwarzen Anzug, mit Fliege und Zylinder sowie einem aus Menschenknochen geschnitztem Spazierstock. Er ist als Rada für Heilung und Wiederbelebung zuständig, als Petro aber auch Herrscher über die Toten und Seuchen.
  3. Erzulie: Eine gespaltene Lwa. Als Rada ist sie eine wunderschöne, blutjunge Frau, spärlich aber luxuriös gekleidet und mit Schmuck und Edelsteinen behangen. Sie ist die Patronin von allem Schönen aber auch von Reichtum und Luxus sowie die Beschützerin der Homosexuellen. Doch als Petro ist sie eine alte, narbige Frau, rachsüchtig und böse. Schützend hält sie ein Kind in der Hand und wedelt mit einem langen, blutigen Messer in der anderen herum.
  4. Legba: Als Wächter über die Kreuzung ins Reich der Lwa ist Legba eine geachtete Gestalt, doch in anderen Aspekten ist er auch der klassische Schelm, Betrüger und Täuscher. Er ist ein junger Mann, der sein Geschlecht und seine Potenz gerne öffentlich zur Schau stellt.
  5. Loco: Der Wächter von Pflanzen und Wäldern, aber zugleich auch Hüter über Gesetz und Gerechtigkeit. Der Wind trägt ihm die Gespräche der Menschen zu, die er belauscht. Er tritt oft als Schmetterling auf.
  6. Ogoun: Der Lwa von Krieg, Feuer und Schmiedekunst, tritt oft in Grün und Schwarz gekleidet auf und ist mit Speer und Machete bewaffnet und tritt als äußerst kräftiger, narbiger Mann mit aufbrausendem, aggressiven Charakter auf. Als Petro ist seine Brutalität, sein Hang zu Gewalt und Folter besonders ausgeprägt.

Die Sünden

Ehrlosigkeit: Ehre und Würde konnte man den Sklaven nicht nehmen, nicht durch Gewalt und Folter, und so ist die Ehrlosigkeit eine der größtmöglichen Sünden.

Gier: In der befreiten Gesellschaft soll jeder nach seinen Bedürfnissen leben. Es soll genug Nahrung für jeden geben, jeder soll die benötigte Kleidung haben. Doch wer mehr als sein nächster besitzen will, der stellt sich gegen den Willen der Lwa und sündigt.

Geiz: Schlimmer noch als Gier ist Geiz! Teilen ist das Grundprinzip der Gesellschaft, den Bedürftigen soll gegeben werden. Wer sich dieser Regel verschließt sündigt nicht nur, sondern wird auch schnell ausgestoßen und hart bestraft. Denn wer nicht freiwillig gibt, dem wird mit Gewalt genommen werden!

Zügellosigkeit: Voodoo ist weit entfernt von den engen Moralvorstellungen der monotheistischen Religionen. Sexualität ist Mittel zum Zweck und wird nicht reglementiert. Alkohol und bewusstseinserweiternde Drogen sind fester Bestandteil von Ritualhandlungen und dadurch sozial akzeptiert. Dennoch gibt es ein feines Gespür für diejenigen, die über die Stränge schlagen, die ihre Aufgaben vernachlässigen und nur noch für den Genuß leben.

Regelanpassungen

Zauberer sind auf Hispaniola gefallene und skrupellose Petro-Hougans oder -Mambos, doch oft ist es nicht so einfach sie als solche zu erkennen. Sie verfügen über die gleichen Fähigkeiten wie die Sorcerer in Dogs in the Vineyard.

Besessene sind keinesfalls die von den Lwa in Trance Gerittenen, sondern die Hirn- und Willenlosen Zombies, die so oft mit Voodoo assoziiert werden. Regeltechnisch gibt es keinen Unterschied zu den Besessenen von Dogs in the Vineyard.

Zeremonien werden durch passende Voodoo-Rituale ersetzt:

  1. Mit unschuldigem Blut salben: Der Schmetterling lässt einen Tropfen unschuldigen Blutes (eine Phiole trägt er ständig bei sich) in den Mund des zu Salbenden tropfen.
  2. Beim wahren Namen nennen: Der Schmetterling ruft den Namen einer Person und den Namen der passenden Lwa.
  3. Die Ehre der Société des Amis des Noir achten: Seine verliehene Autorität klarstellen.
  4. Hände auflegen: Die Daumen auf die geschlossenen Augenlider einer Person drücken um die Trance zu erleichtern.
  5. Das Zeichen der Lwa machen: Jede Lwa hat ein Veve, ein Zeichen, das die Schmetterlinge in den Boden ritzen.
  6. Die Lwa sprechen lassen: In einer kurzen Trance den Willen einer Lwa verkünden.
  7. Die Trommel schlagen: Als Teil einer größeren Zeremonie oder als einzelnes Ritual das hypnotisch-gleichförmige, dann immer ekstatischere Schlagen auf einer Trommel um den Trance-Zustand zu erreichen.
  8. Die drei Aspekte der Autorität, Rada, Petro und Neutralität: Je ein Schmetterling nimmt den Rade-, Petro- und einen neutralen Standpunkt ein und bekräftigt dadurch die Autorität über alle Aspektgrenzen hinweg.

Inspirationen, Tips für die Umsetzung

Als passende filmische Einstimmung in die düstere, unheimliche Atmosphäre ist einer meiner persönlichen Lieblingsfilme bestens geeignet: Angel Heart mit einem brillianten Mickey Rourke. Passende musikalische Untermalung für eine Rollenspielrunde sollte sich einfach finden lassen, schließlich sind karibische Rhythmen auf Youtube massenweise vertreten. Am besten spielt es sich natürlich in einer schwülen, warmen Sommernacht in einem Garten, mit flackernden Kerzen und vielleicht einem kleinen Lagerfeuer (geht einfach in einem Kugelgrill). Als Getränke bieten sich karibische Cocktails oder einfach Eiswasser mit ein wenig Zucker und Zitrone an, ein schönes Gericht wäre ein einfaches Hühnerfrikassee mit Kokosmilch, Ananas oder Mango und Chili statt Mehlschwitze, Brühe und Erbsen.

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Kommentare zu: "Dogs in the Vineyard 2/12: Locos Schmetterlinge im Garten der Lwa" (1)

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