Indie-RPGs und der Mainstream neu interpretiert

A Tale of 1001 Nights von Boulanger, Gustave Clarence Rodolphe

A Tale of 1001 Nights von Boulanger, Gustave Clarence Rodolphe

Falken in der Oase des Kalifen ist ein Alternate Reality, pseudo- historisches 1001 Nacht inspiriertes Orient Setting für Dogs in the Vineyard in der Blütezeit des Islams der Nordafrikanischen und Arabischen Welt. Ich bin weder Orientexperte noch in religiösen Studien bewandert, und so ist meine Darstellung ein bunter Mix aus Karl May, den Märchen von 1001 Nacht, den Erzählungen um Sindbad und Ali-Baba und generell jeder vermutlich historisch und kulturell völlig falschen Vorstellung eines exotischen, von Abenteurern und Abenteuern nur so wimmelnden, romantisch verklärten Sicht auf eine Welt, die es so niemals gab. Möge mir jeder verzeihen, der sich in irgend einer Weise falsch verstanden oder gar beleidigt fühlt: Ich weiß es einfach nicht besser… Ich strebe auch gar keine historisch korrekte Version des Settings an. Die Frauen mögen zwar verschleiert sein, aber ihre Schleier sind halb transparent und verführerisch. Und die Frauen stehen auch nicht im Hintergrund, sondern sind selbstbewusst, durchsetzungsfähig und haben keinen geringeren sozialen Status als Männer. So, und nun zum spaßigen Teil!

Über das Leben

Gesellschaft

Die Familie ist die wichtigste Einheit des Lebens in den Oasen des Kalifen. Meist leben mehrere befreundete und untereinander verbundene Großfamilien in einer Oase zusammen, bereichert durch die stetig durchreisenden Karawanen von Händlern und Abenteurern. Eine Großfamilie besteht dabei aus dem männlichen Familienoberhaupt, seinen Frauen und Kindern sowie seinen unverheirateten männlichen Verwandten. Da eine große Nachkommenschaft als Zeichen von Reichtum und göttlicher Gunst angesehen wird, ist Polygynie weit verbreitet und allgemein akzeptiert, so lange die finanzielle Absicherung der gesamten Familie getragen werden kann. Wohlhabende Familien haben palastartige Behausungen mit abgetrennten Bereichen für die Frauen, oft Harem genannt. Mit steigendem Alter gewinnen Mitglieder der Gemeinschaft an sozialem Rang und werden hoch geachtet. Eine Person ist als Imam, als geistiger Führer tätig, der aber wenig politische und wirtschaftliche Entscheidungskraft trägt.

Weltlicher Herrscher und oberster geistlicher Führer ist der Kalif, der von seinem sagenhaften Palast in Bagdad aus das arabische Reich lenkt. Seine Vertrauten, Wächter über Gesetzt und Religion, Gesandte als Vermittler, Richter und Kundschafter in die entlegensten Oasen seines Reiches sind die Falken, die jungen Söhne und Töchter der wichtigsten Familien der Stadt, die in seinem Palast geschult, erzogen und trainiert speziell auf ihre schwierige und gefährliche Aufgabe vorbereitet wurden. Die ziehen aus um das Wort Gottes und das Gesetz des Kalifen in die Welt zu tragen, und wenn sie nach Jahren harter Arbeit gealtert und geschunden zurückkehren werden sie mit Reichtümern überschüttet. Doch die wenigsten kehren zurück, zu gefährlich ist die Reise in die Oasen, zu tödliche die unerbittliche Wüste und zu niederträchtig diejenigen, die von Glauben und Gesetz abgefallen sind.

Menschen außerhalb

Ein wildes, ungezähmtes Volk wandert durch die Wüsten, gehüllt in tiefblaue Gewänder, die Gesichter zum Schutz gegen die Sonne verborgen. Auf ihren Kamelen transportieren sie ihr Hab und Gut, legen weite Strecken zurück und schlafen in ihren einfachen Zelten. Sie nenne sich Tuareg oder die Leute des Gesichtsschleiers. Es sind raue, von der Hitze der Sonne und der Kälte der Nacht geformte Menschen, die in Freiheit leben und sich niemandem beugen, ohne es auf einen Kampf ankommen zu lassen. Sie sind stark, schnell und selbst eines ihrer zahlreichen Kinder kann länger allein in der Wüste überleben als es ein starker Mann aus unserer Mitte vermag. Doch sie haben sich von Gott und dem Propheten abgewandt, würdigen seine Regeln nicht und sind Ungläubige, die es zu Bekehren oder zu Bekämpfen gilt. Doch eine heimliche Bewunderung für das blaue Volk ist immer zu spüren. Manche gehen sogar so weit, sie als die auserwählten Gottes zu bezeichnen, die in der Wüste für ihre Sünden büßen aber letzten Endes allen anderen voran  ins Paradies einziehen werden. Selten gelingt es, einen Tuareg auf den Weg des rechten Glaubens zurückzuführen, doch dann ist es ein Fest für eine ganze Oase.

Auf der anderen Seite gibt es die dunkelhäutigen Menschen auf der südlichen Seite der Wüste, die zahlreichen Göttern und Götzen huldigen und sich nur schwer bekehren lassen. Sie werden als Sklaven in großen Mengen in Karawanen durch das Land gebracht und in den großen Städten weiter verkauft, um schwere körperliche Arbeiten zu ertragen.

Dörfer

Das Leben in der Wüste ist hart und Wasser ist das kostbarste Gut, weit wichtiger als Gold und Edelsteine. So konzentrieren sich die Dörfer um die wenigen Quellen, die von riesigen unterirdischen Flussläufen gespeist werden und die Wüste in kleine, paradiesische Gärten verwandelt. Diese Oasen sind einerseits Heimat für dort Geborene, aber auch wichtige und notwendige Zwischenstation für Reisende, und so herrscht ein reges Kommen und Gehen.

In einer kleinen Oase finden sich zumeist:

  • viele Bauern
  • einige Ziegen- und Schafhirten
  • einen Kaufmann
  • einen Sklavenhändler
  • eine Hebamme
  • einen Imam
  • eine Moschee

Größere Oasen erreichen oft das Ausmaß ganze Städte und verfügen zusätzlich über:

  • Heilkundige
  • Kamel- und Pferdezüchter
  • Schmiede
  • Goldschmiede
  • Weber
  • Gerber
  • ein Minarett
  • einen Sklavenmarkt
  • einen Basar

Nahrung, Kleidung, Werkzeuge und Fortbewegung

Das Hauptnahrungsmittel für die meisten Menschen stellt die Dattel in jeder nur erdenklichen Zubereitung dar, mit zunehmendem Reichtum ergänzt um Getreideprodukte, Gemüse und Schafs- oder Ziegenfleisch, in Küstennähe auch Fisch und Meeresfrüchte. Selten ist Großwild zu besonderen Anlässen Teil des Speiseplans. Süßspeisen beschränken sich auf süßes Gebäck und süße Früchte wie Feigen und Granatäpfel, oft mit Honig weiter angereichert. Zucker und Gewürze sind teuer und kostbar.

Die Kleidung ist zweckmäßig und dem Leben in der Wüste angepasst. Ein Turban schützt das Haupt vor zu starker Sonneneinstrahlung, Frauen tragen statt dessen ein Kopftuch und einen Schleier. Den Körper bedeckt ein Kaftan, ein langes Hemd aus Schafswolle, bei wohlhabenderen Trägern auch aus Seide, der meist hell gefärbt ist. Darüber wird häufig eine Abaya, ein offener langer Mantel aus Kamelhaar, dunkel gefärbt, getragen. Klassisches Schuhwerk sind offene Sandalen. Vor allem Frauen tragen je nach sozialem Status und Reichtum üppigen Edelmetallschmuck.

In der Blütezeit des arabischen Islams herrscht eine wissenschaftliche und handwerkliche Hochzeit, die auf Jahrhunderte danach nicht wieder erreicht wurde. So gibt es neben einfachen aber zweckmäßigen Werkzeugen auch komplexe astronomische Instrumente, präzise chirurgische Werkzeuge, komplexe Webstühle und die modernsten Feuerwaffen der Zeit. Doch die Beanspruchung in der Wüste hinterlässt häufig nicht mehr funktionierende Gegenstände, die erst in einer größeren Oase wieder repariert werden können, und so sind archaische Werkzeuge als Ersatz in jedem Haushalt vorhanden.

Während das Pferd als Sinnbild für wildes, ungestümes Leben gilt und ein wertvolles Statussymbol ist, dient es doch eher repräsentativen Zwecken als der Fortbewegung. Auf den langen Märschen zwischen den Oasen durch die Wüste sind Kamele oder Dromedare deutlich überlegen was Ausdauer, Tragkraft und Geschwindigkeit angeht. Auch die Reittiere sind mit wertvollen bunten Decken und häufig sogar mit Schmuck versehen und stehen den Besitzern häufig näher als entfernte Familienangehörige, sichern doch allein sie das Überleben auf den notwendigen Reisen.

Waffen

Die Parade- und Schmuckwaffe eines jeden Kriegers und erst Recht eines Falken ist der reich mit in Gold gefassten Edelsteinen verzierte Scimitar, dessen Klinge von dem klassischen Damast-Muster durchzogen ist. Er ist Statussymbol und Waffe zugleich und jedes Exemplar ist einzigartig in seinen Verzierungen. Schusswaffen existieren in Form von kunstvoll gearbeiteten aber dennoch einfachen Steinschloßgewehren, die selten verbreitet, sehr teuer und recht unzuverlässig sind. Jeder Falke erhält bei seiner Initiation einen persönlichen Scimitar und ein Gewehr. Es ist eine wilde, ungezähmte Natur und eine gefährliche Zeit, und so sind die wenigsten Menschen unbewaffnet unterwegs. Üblicherweise tragen sie einen langen Krummdolch, der je nach Wohlhaben des Eigentümers einfach und zweckmäßig oder üppig verziert sein kann. Natürlich werden auch Werkzeuge als Waffen benutzt und geführt, seien es Messer, Peitschen oder landwirtschaftliche Geräte wie Sensen. Auch Bögen und kleine Armbrüste sind verbreitet und beliebt.

Landschaft

Während die ausgedehnten Wüsten Nordafrikas und der arabischen Halbinsel eine lebensfeindliche Umgebung darstellen, in der tagsüber die Sonne unerbittlich brennt und Nachts die Temperaturen stark fallen, ist die Landschaft in den Oasen und Küstenstädten gänzlich anders. Eine Oase wird von einem Ring aus landwirtschaftlich genutzter Fläche umgeben, wobei verschiedene Getreide- und Gemüsesorten sich das Land mit Feigen-, Oliven und Granatapfelbäumen sowie den dominierenden Dattelpalmen teilen. Kleinere Schafs- und Ziegenherden weiden auf den weniger fruchtbaren Gebieten, oft erstrecken sich Bewässerungskanäle bis weit in die Wüste hinaus.

Die Architektur in einer Oase ist je nach Lage und Größe grundlegend verschieden. Kleinere Oasen werden von großen, miteinander verbundenen Zeltgebäuden dominiert, in größeren Oasen sind Lehmhäuser ein übliches Bild. Die größten Oasenstädte haben eine prunkvolle Architektur mit großen Palästen, Ziergärten und riesigen von Zeltstoff gegen die Sonneeinstrahlung überspannten Basaren. Oft werden auch natürliche Möglichkeiten ausgenutzt, und so finden sich komplett in Felshänge geschlagene Städte ebenso wie tief verzweigte Höhlensysteme.

Aber selbst die Wüsten sind grundverschieden. Einerseits gibt es den klassischen Typ der Sandwüste, die Sahara als Paradebeispiel, mit endlosen Dünen, nahezu völlig fehlender Vegetation und der als Fata Morgana flimmerndern Luft. Andererseits gibt es weite Steppenlandschaft mit verdorrt erscheinender aber durchaus vitaler Vegetation, Steinwüsten mit Schluchten und Bergen, Salzwüsten mit verkrusteter, aufgebrochener Erde – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Nur eines ist ihnen allen gleich: Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, längere Zeit in der Wüste zu überleben.

Der Glaube

Auch wenn Religiöse aller Lager jetzt aufschreien werden: Im Endeffekt sind sich die monotheistischen Religionen allesamt so ähnlich, dass es eigentlich keiner Regelanpassung bedarf. Gerade einer der kontroversen Punkte der Religion in Dogs in the Vineyard, die Polygynie, findet im Islam seine Entsprechung. Darum kann das „Something’s Wrong“ Kapitel des Regelwerks direkt so übernommen werden. Zur besseren Identifikation mit dem Setting habe ich dennoch die Sünden ein wenig angepasst.

Die Sünden

Die Anzahl der „großen“ Sünden ist im Islam nicht ganz klar festgeschrieben,es haben sich aber rund 17 Sünden als besonders gewichtig etabliert. Zur Vereinfachung und Entschlackung habe ich diese großzügig zusammengestrichen oder zusammengefasst, bis nur noch acht übrig geblieben sind.

  1. Zweifel an dem einen Gott und seiner Macht (Vielgötterei, Hoffnungslosigkeit, Unglaube)
  2. Mißachtung der Familie (Ungehorsam gegenüber den Eltern, Ehebruch)
  3. Töten eines Gläubigen
  4. Lügen oder die Wahrheit verbergen (Rufmord, Verleumdung, Schwurbruch, Zeugnis verweigern)
  5. Gier und Geiz (Vermögen eines Waisen beanspruchen, Zinsen nehmen, Verweigerung der Almosengabe)
  6. Feigheit und Verrat
  7. Magie / Zauberei
  8. Genuss von Alkohol und Rauschmitteln

Regelanpassungen

Auch im Islam besteht ein starker Glaube an Dämonen, die die Menschen versuchen und verführen, aber auch von fehlgeleiteten Menschen beschworen werden können. Wer möchte, kann diese Dämonen Dschinn nennen und dem Setting mehr Farbe dadurch geben, regeltechnisch ändert sich aber nichts.

Die Zeremonien sind ebenfalls direkt wie im Regelwerk verwendbar. Ich würde aus der heiligen Erde heiliges Trinkwasser machen, das „Book of Life“ eben in Qur’an umbenennen und statt des Zeichen des Baums mit den fünf Fingerspitzen die Ecken eines Sterns markieren und dann mit der anderen Hand eine Mondsichel förmigen Bogen darum schlagen.

Inspirationen, Tipps für die Umsetzung

Die klassischen Inspirationsquellen sollten jedem geläufig sein. Neben den Märchen aus 1001 Nacht und Karl Mays Orientzyklus sind natürlich die legendären Zeichentrickserie Sindbad der Seefahrer und zahlreiche andere Filme und Serien anzuführen. Als besondere Erinnerung ist mir auch eine Episode des alten Sierra Adventures Conquests of Camelot geblieben.

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Kommentare zu: "Dogs in the Vineyard 04/12: Falken in der Oase des Kalifen" (4)

  1. Hi,
    sag mal, weißt du, wo ich Dogs in the Vineyard runterladen kann. Das ist doch afaik ein kostenloses Rollenspiel, oder habe ich das falsch verstanden?

    Martin

    • Leider ist Dogs in the Vinyard kein kostenloses Rollenspiel. Für die Print-Version würde ich Dich an den Sphärenmeister verweisen, dort bekommst Du es deutlich günstiger und stressfreier als beim Direktimport. Wenn Du mit einem PDF Vorlieb nehmen kannst, dann bekommst Du es für 15$ bei http://theunstore.com/index.php/unstore/game/1 – und wenn Du bereit bist ein wenig zu Pokern, dann bekommst Du für 40$ unter http://theunstore.com/index.php/unstore/game/105 ein Paket mit allen Lumpley Games. Zumindest Apocalypse World und Poison’d sind das Geld wert, die anderen kenne ich nicht. Auch wenn 15$ nicht wenig Geld sind, es sind meiner Meinung nach ziemlich gut angelegte 15$!

  2. Habs mittlerweile mal gekauft, und bisher mal ein bißchen reingeschnuppert. Sieht zwar ganz interessant aus, aber so richtig kann ich den Hype darum bisher nicht verstehen…

    • DitV ist vor allem deshalb so beliebt und berühmt, weil es einen relativ einfachen Regelmechanismus benutzt, um komplexe Situationen glaubhaft darzustellen und den Spielern dabei viel Handlungsfreiraum lässt. Die Regeln zu lesen ist nicht halb so interessant wie nach ihnen zu spielen.

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