Indie-RPGs und der Mainstream neu interpretiert

Die erste Epsiode der Rollenspiel-ADHS Artikelreihe dreht sich um die Ur-Inspiration des Fantasy-Rollenspiels. Welcher Rollenspieler kann schon widerstehen, wenn er wieder einmal die Bücher aus dem Regal holt und sich in Mittelerde einträumt. Und wenn die Zeit nicht fürs Lesen ausreicht, dann gibt es immer noch eine tolle Verfilmung (jeder kann sich nun seine liebste Verfilmung auswählen und daran denken). Mir persönlich reicht sogar ein wenig Filmmusik oder einer der Trailer aus, manchmal geht es so weit, dass ich beim Spielen vom Herr der Ringe Online mit Ideen überschüttet werde und unbedingt eine Runde anbieten möchte. Meine persönlicher Favorit für eine Kampagne in Mittelerde wäre zwar ein anderes Regelsystem, aber es kommt aus zwei Gründen nicht in Frage. Einerseits ist es nicht kostenlos und nicht sofort verfügbar, andererseits erfordert es definitiv einiges an Einarbeitungszeit. Also habe ich mich auf die Suche nach Alternativen gemacht, die diesen Anforderungen näher kommen und einige gute Kandidaten gefunden.

Legends of Middle Earth von Jeffry Schecter

Auf der Suche nach dem idealen Abbild der Magie in Tolkiens Welt ist Jeffrey Schecter so nahe am Erfolg wie kein anderes mir bekanntes System. Seine Grundeinstellung ist klar: Zaubern können nur die Maiar, als Gesandte der Götter überaus mächtige Wesen, vermutlich nur in der Form der Istari, der Zauberer zu denen sich auch Gandalf und Saruman zählen, die zahlreichen Kreaturen der Dunkelheit und in abgeschwächter Form die Elben. Am häufigsten trifft man auf Magie in Form von Artefakten, magischen Gegenständen, die auch nicht magisch Begabte benutzen können. Die Charaktererschaffung ist schnell, einfach und produziert Charaktere mit Herz und Seele, nicht nur Kampfwerten. Das Konfliktsystem ist größtenteils einheitlich und einfach. Und was mich natürlich besonders freut: Es hat mit den Story Tokens eine Möglichkeit zur Manipulation der Spielwelt durch die Spieler vorgesehen. Insgesamt gibt es wenig Negatives zu berichten. Ein kleiner Dämpfer sind die spärlichen Hintergrundinformationen, ohne Kenntnis der Romane oder zumindest der Filme wird man mit dem Regelwerk nicht viel anfangen können. Dafür bringt der Autor alles nötige in nur 25 Seiten unter, wobei drei Seiten für eine Landkarte, eine Kurzeinführung in Runensschrift und den Charakterbogen reserviert sind.

Hither Lands von Lucid Systems

Die ominösen Lucid Systems (wie schade, dass es im Rest der Welt keine Impressusmpflicht gibt) arbeiten mit Hither Lands an einem eher klassischen System für Abenteuer in Mittelerde. Die Kampfregeln nehmen einen großen Teil des Regelwerks ein und sollten auch Freunde von taktischen Elementen glücklich machen. Die so prekäre Magiedarstellung ist zumindest nicht schlecht, erfordert aber einiges an Eigenintitiative und Improvisation während der Spielsitzung – es handelt sich um ein freies, spruchloses System mit recht komplexen Regeln. Isngesamt ist das Regelwerk auf einem guten Weg, doch hier und da (eigentlich fast überall) wirkt es noch nicht fertig. Das geht schon beim Layout los, die Reihenfolge der einzelnen Abschnitte erscheint recht verwirrend und an einigen Stellen wären mehr Beispiele sicher wünschenswert gewesen. Dennoch ist es meiner Meinung nach in der vorliegenden Form sofort spielbar und sollte robust genug für eine kleine Kampagne sein. Auch hier kann man mit 31 Seiten Lesestoff durchaus umgehen, wobei einige Seiten durch das unfertige Layout quasi leer sind…

Ambarquenta von Georg Witrisal und The Heren Turambarion

Wenn die anderen Systeme in diesem Posting eher kurz gehalten sind und nur die nötigsten Informationen enthalten hat Ambarquenta einen ganz anderen Anspruch. Schon vor Fertigstellung sind es fast 300 Seiten geballte, ausformulierte Information, angereichert mit Umfangreiche Tabellen und bislang quasi ohne auflockerndes Artwork: Ein echtes Regelmonster also. Zusätzlich ist es zwar frei downloadbar, aber mit einem Passwort geschützt, welches man allerdings auf eMail-Anfrage rasch und ohne Bedingungen mitgeteilt bekommt. Wenn man sich dann durch die wichtigsten Kapitel gearbeitet hat, dann erkennt man ein mit viel Liebe entwickeltes und „zusammengeklautes“ System mit durchaus brauchbaren Regeln und sehr viel (vielleicht zu viel) Detailverliebtheit. Das Layout ist einfach, gut lesbar und nicht hässlich, muss sich aber bei dem Umfang auch mit kommerziellen Produkten messen und leidet dann unter dem Fehlen jeglicher Illustrationen. Mit Ambarquenta werden Rollenspieler glücklich, die ein wenig mehr und genauere Regeln brauchen, die gern ihre Kämpfe mit Miniaturen am Tisch austragen wollen, die auf jede Mögliche Frage eine Antwort im Regelwerk suchen, sprich: Leute die etwas anderes suchen als ich. Daher möchte ich auch kein negatives Urteil fällen, ganz im Gegenteil, das bislang vorhandenen ist beeindruckend und hat definitiv Potential. Aber für die Befriedigung meines ADHS-Bedürfnisses kommt es keinesfalls in Frage. Bevor ich die 300 Seiten durchgelesen habe, möchte ich schon wieder etwas anderes Spielen…

Fate of the Rings von Evil Hat Productions Wiki

Streng genommen ist Fate of the Rings nicht komplett kostenlos und direkt verfügbar, da es in wenigen Punkten Seitenverweise zu Spirit of the Century vorweist. So lange es kein offizielles FATE3 SRD gibt oder das von der Community begonnenen SRD nicht komplett ist, benötigt man damit ein nicht kostenloses Regelwerk. Ich gehe aber davon aus, dass ein solches SRD unter der Open Game License irgendwann in naher Zukunft erscheinen wird. Wie die meisten Adaptationen für FATE besteht auch diese aus vielen Stichworten, die ohne Kenntnis des FATE Regelkerns unverständlich bleiben. Wer auch immer der Autor von Fate of the Rings sein mag (Fred Hicks?), hat sich aber viel Mühe gegeben, die Atmosphäre der Herr der Ringe Verfilmung von Peter Jackson möglichst genau einzufangen und abzubilden. Obwohl es sich noch um einen Entwurf handelt erscheint es durchaus komplett und spielbar, nur die Anmerkungen zu kommenden Änderungen lassen den Leser kurz stutzen. Später fällt dann schmerzhaft auf, dass das „Corruption“-System zwar immer wieder angesprochen wird, letztendlich aber nirgendwo erklärt ist. Für mich wäre das allerdings kein Hinderungsgrund. Zu FATE als Regelsystem möchte ich hier nicht zu viele Worte verlieren: Entweder man liebt es oder man hasst es, zumindest erscheint es mir häufig so.

Ende der Hoffnung von Roland Triankowski

Auch Ende der Hoffnung basiert auf den FATE Regeln, diesmal allerdings auf der nicht mehr ganz frischen 2. Edition, die dafür kostenlos und in deutscher Übersetzung vorliegt. Ebenso wie bei Fate of the Rings ist das eigentliche Regelsystem komplett ausgelagert und muss in einem separaten Dokument gelesen werden. Einerseits hat das den unbestreitbaren Vorteil eines fertigen, erprobten und allgemein als gut anerkannten Systems, andererseits bedeutet es aber für FATE-Einsteiger zusätzlichen Aufwand, der nicht ganz unbeträchtlich ist. Da er auf ein komplettes Regelwerk zurückgreifen konnte, ist ein Großteil der 44 Seiten Lesestoff mit Hintergrundinformationen, die es auch „Nicht-Silmarillion-Kennern“ den Einstieg ermöglichen. Das FATE ursprünglich für pulpige Action in Spirit of the Century geschrieben wurde, fällt bei Benutzung als Regelsystem für Fantasy-Settings besonders auf: Es gibt keine vernünftigen Magieregeln. Während in Fate of the Rings zumindest ein kleiner aber funktionierender „Workaround“ existiert, ist in Ende der Hoffnung noch kein ausgearbeitetes Konzept vorhanden. Mehr als bei den anderen vorgestellten Systemen stößt man immer wieder auf noch fehlende Inhalte oder nur grob skizzierte Ideen, doch das muss man bei einer Versionsnummer von unter Eins akzeptieren. Für mich ist das System in der jetzigen Form nicht sofort spielbereit und scheidet daher aus. Aber als kleines Alleinstellungsmerkmal hat Roland Triankowski den Spielern alles mit auf den Weg gegeben, um sofort mit Abenteuern im ersten Zeitalter zu spielen, der sagenhaften, im Silmarillion beschriebenen Zeit weit vor dem in Herr der Ringe thematisiertem Ringkrieg, der das Ende des 3. Zeitalters darstellt. Hier liegt das große Potential des Systems, denn wer es noch epischer, noch heroischer und noch „tolkienischer“ als beim Herr der Ringe haben möchte, der sollte das erst Zeitalter für sich entdecken!

Fazit

Mein Favorit ist ganz eindeutig Legends of Middle Earth, und das gleich aus mehreren Gründen. Es ist das einzige offiziell abgeschlossene und fertig wirkende Regelsystem in dieser Auswahl, es ist angenehm kurz und dennoch komplett, die Regelmechanismen sind einfach und stimmig, es fängt die Atmosphäre von Tolkiens Welt gut ein, sogar die Magie ist für mich gelungen. Und als besonderer Bonus für mich: Es fühlt sich ein wenig nach „The Forge“ an indem es den Spielern Eingriffe in die Spielwelt erlaubt, ein inzwischen modernes Prinzip, das man aber bei den klassischen Systemen vergeblich sucht. Wenn es also um die schnelle Befriedigung eines Mittelerde RPG Bedürfnisses geht, sei es in Form eines OneShots (einer einzige Spielsitzung) oder einer Kurzkampagne, dann ist Legends of Middle Earth das System meiner Wahl. Für längere Kampagnen würde ich auf meinen Artikel zur Indie-Alternative verweisen.

Die anderen Systeme möchte ich nicht in einer Rangliste ordnen, vor allem, weil sie alle an den selben Fehlern leiden. Die beiden FATE-Varianten sind ohne intensive Kenntnis des FATE Regelkernes nicht spielbar und dadurch nicht wirklich schnell verfügbar. Zusätzlich kranken sie wie Hither Lands auch daran, dass sie noch in der Fertigstellung oder Überarbeitung sind.  Besonders bei den Magie-Regeln tun sich diese Systeme noch schwer, vielleicht hilft ein wenig Ideenklau bei Legends of Anglerre (leider habe ich es noch nicht gelesen)? Ambarquenta ist… erschlagend, und auch dort fehlen noch einige Kapitel. Wer es crunchy und detailliert mag, für den kann sich da eine ernst zu nehmende Alternative zu den klassischen Systemen abzeichnen. Allerdings müssten die Autoren aufhören, Textpassagen aus existierenden Regelwerken zu übernehmen, wenn sie nicht in noch ernstere Schwierigkeiten gelangen wollen als für die unlizensierte Nutzung von Tolkiens Ideen…

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Kommentare zu: "Rollenspiel-ADHS 01: Mittelerde, Hobbit und Herr der Ringe" (3)

  1. Das SRC zu SOTC findest du unter http://www.faterpg.com/dl/sotc-srd.html

  2. Das Ambarquenta-Projekt hat eine neue, schönere Webseite, ich habe den Link entsprechend aktualisiert. Auf dieser Seite gibt es auch einen Cover-Entwurf, der sehr schön und stimmig wirkt!

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