Indie-RPGs und der Mainstream neu interpretiert

Eine Kutsche, eskortiert von zwei Reitern, prescht auf einem engen Pfad durch den sonst dichten Wald. Es regnet unermüdlich, Dampf steigt vom warmen Boden auf und verdichtet den schon vorhandenen Nebel. Die Dämmerung bricht schneller ein als erwartet. Plötzlich fällt einer der Reiter zu Boden, getroffen von einem Pfeil direkt durch das Visier seines Helms. Die Kutsche bricht mit der Vorderachse in eine nur oberflächlich mit Laub bedeckte Grube ein. Stück für Stück zeigen sich mehr verwegene Gestalten, mit Schlamm besudelt und mit Zweigen und Blättern übersät sehen sie aus wie Lebende Bäume.  Einer erhebt laut die Stimme und verkündet: „Im Namen Robin Hoods und seiner Merry Men nehmen wir den Besitz des Volkes aus Euren gierigen Händen und verteilen ihn zurück an die Armen“.

Inspirationen

Ein prägender Film meiner Kindheit war zweifelsfrei Disneys wundervolles Robin Hood Zeichentrick-Meisterwerk. Wer könnte sich diesem Zauber nur widersetzen?  Hier wird ganz klar gezeigt, dass Schläue, Kreativität und Ideenreichtum blanker Gewalt überlegen sind. Auch wenn der Zeichentrick-Stil auf den ersten Blick wenig tauglich erscheint sprüht der Film nur so vor toller Ideen!

Später lief Kevin Costner zur Höchstform auf und die Geschichte wurde um mystische Elemente erweitert. Sicherlich gibt es geteilte Meinungen über diesen Film, aber zumindest ist er actionreich und Kevin Costner war noch jung ;-). Die schnulzigen Stellen dürfen ja auch getrost ignoriert werden.

Aktuell kämpft Russel Crowe nun erst in Frankreich und dann in England und bringt eine düstere, ernste und militärische Sichtweise auf das alte Epos. Fans von mittelalterlichen Massenschlachten kommen bestimmt auf ihre Kosten, ich habe den Film noch nicht gesehen, kann mir daher also kein abschließendes Urteil erlauben.

Was gibt es schon und was sollte es können?

Woran liegt es nur, dass es für so eine alte, bekannte und faszinierende Geschichte wie die von Robin Hood und seinen Merry Men bislang so wenig Beachtung in der RPG-Welt gefunden hat. Ist das Szenario zu europäisch für den Weltmarkt? Oder einfach zu altmodisch? Gibt es zu wenig Monster? Ich weiß es nicht. Letztendlich kann man die erhältlichen Produkte an einer Hand abzählen. Neben einem GURPS Robin Hood gibt es vor allem eine d20 Version Namens Sherwood: The Legend of Robin Hood, die nun auch als Savage Worlds Setting verwurstet wurde. Dazu von I.C.E. jeweils ein Kampagnenband für ihr Rolemaster und Hero-Regelwerk, mit Merrie England ein Runequest-Vertreter und mit Darkwood ein eigenständiges Produkt. Allesamt nicht sonderlich „Indie“, die meisten nicht mehr frei erhältlich und keines davon kostenlos. Aber wie so oft naht Hilfe aus der Indie-Ecke mit einem nahezu fertigen, schon perfekt spielbaren Werk.

Die Anforderungen an ein passendes Rollenspiel-System sind daher auch wieder recht hoch. Es sollte  verschiedene Spielstile unterstützen, wenn möglich auch das mystische Element optional möglich machen. Zwar kennt jeder die Legende von Robin Hood, doch im Gegensatz zu den klassischen RPG Fantasy Welten kennt sich kaum ein Rollenspieler im England des 12. oder 13. Jahrhunderts aus, noch dazu in einem geographisch recht begrenzten Gebiet um Nottingham und den königlichen Sherwood Forest, also sind auch Hintergrundinformationen in  rollenspielgerechter Form dringend nötig.

ROBiN von Markus Leupold-Löwenthal auf Ludus Leonis

Eigentlich ist ROBiN kein eigenständiges System, sondern der erste (und leider bislang einzige= Weltenband zu dem Universal-RPG-System TRiAS des engagierten Amateur-Autors, der auf seiner Seite noch weitere  kleine aber feine freie Rollenspiele präsentiert.

Das Regelsystem TRiAS ist vielleicht auf den ersten Blick ein wenig sperrig durch die namens gebenden drei Zahlenwerte zu jedem Attribut und jeder Fertigkeit, ist aber in sich durchdacht, gut beschrieben und eigentlich ganz logisch und einfach. Zusätzlich unterstützt es kooperatives Vorgehen auf sehr schöne Art und Weise und ist gerade deshalb auch gut geeignet für Gruppen, die sonst eher aus Einzelkämpfern bestehen. Grundsätzlich ist es ein „w20 Unterwürfel System“, wobei es durch die drei Werte jeweils Schwellen für große Erfolge, Erfolge und Teilerfolge gibt. Besonders schwierige oder leichte Situationen wurden durch zusätzliche Würfel symbolisiert, bei denen die niedrigsten Werte (leicht) oder die höchsten Werte (schwer) zählen.

Der eigentlich ROBiN ausmachende Teil mit Hintergrundinformationen ist liebevoll und detailliert, mit wenigen aber schönen Illustrationen garniert und auf jeden Fall umfassend genug.  Es gibt eine schöne Sammlung an NPCs, bei vielen Fehlen zwar noch Spielwerte, doch sind diese in meinen Augen nicht notwendig. Sogar eine komplette Kurzkampagne mit drei Episoden ist enthalten.

Die Gestaltung ist sehr ansprechend, vermutlich aufgrund der Verwendung eines Textsatzsystems auf TeX-Basis statt der üblichen Layoutprogramme. Ein wenig irritierend ist die ausufernde Verwendung von Symbolen, doch dadurch ist der Text flüssiger lesbar und man gewöhnt sich rasch daran. Allein schon für das Positionieren der Bilder gebührt dem Autor Respekt!

Fazit

Zusammenfassend kann ich mir kaum ein besseres Regelwerk vorstellen, um auf die Schnelle einen Robin Hood RPG-Abend zu organisieren. Und wie immer in dieser Rubrik kostet das ganze außer ein wenig Zeit und Herzblut nichts, denn ROBiN ist ebenso wie TRiAS kostenlos verfügbar, sogar in einer besonders schönen eBook-Version mit stimmungsvollem Seitenhintergrund. Drücken wir dem Autor die Daumen, dass er die gute Arbeit weiter führen und ROBiN bald komplettieren kann. Vielleicht hilft ja die eine oder andere Spende dabei. Und wer sich nun fragt, ob ich bestochen wurde, weil ich diesmal nur ein RPG vorstelle, dem sei gesagt, dass ich auch nach langer, ausführlicher Suche kein weiteres Robin Hood RPG finden konnte. Ist Euch eines über den Weg gelaufen, dann würde ich mich über einen Hinweis als Kommentar sehr freuen!

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