Indie-RPGs und der Mainstream neu interpretiert

Viele Wege… 01: The Pool

James V. West hat im Jahr 2000 mit dem nur wenig mehr als drei Seiten langem Rollenspiel The Pool einen der Meilensteine des „erzählzentrierten“ oder narrativen Rollenspieles gesetzt. Er gibt interessierten Gruppen damit die Grundwerkzeuge um eine Vielzahl an möglichen Welten abzubilden. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass es sich um das erste der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Rollenspiel von James V. West war. Auch nach zehn Jahren sind die Spielprinzipien noch aktuell und die schlichte Eleganz des Systems hat nicht ein bisschen an Reiz verloren.

Und was ist daran so besonders?

The Pool bringt drei Besonderheiten mit sich: Geteilte Erzählverantwortung durch das Einbeziehen der Spieler, Freie „Traits“ als Kombination von Attributen und Fertigkeiten sowie ein innovativer Würfelmechanismus.

Als besonders reizvoll erweist sich dabei die Möglichkeit den erfolgreichen Ausgang der eigenen Probe selbst frei zu erzählen. Damit ist es ebenso möglich, seinen Charakter besonders heldenhaft oder aber auch nur tolpatschig glücklich darzustellen, doch die Möglichkeiten gehen viel weiter. Die Spieler können über diesen Mechanismus eigene Ideen einbringen, die Spielwelt anteilig formen und dadurch die Geschichten dynamischer gestalten. Eine erfolgreiche Probe im Bereich „Nachforschung“ gibt dem Spieler unter Umständen das Recht, sich das Resultat seiner Nachforschungen frei auszuwählen und damit das gesamte Abenteuer zu verändern. Wer von diesem Recht keinen Gebrauch machen möchte, der lässt den Spielleiter wie üblich erzählen und bekommt einen Bonuswürfel, den man später verwenden kann.

Spätestens seit FATE sind frei wählbare Traits ja salonfähig geworden, aber bei The Pool gibt es nur solche. Keine definierten Skills, keine Attribute, keine Einschränkungen der eigenen Vorstellungskraft. Dadurch ist das System wirklich universell anwendbar und gibt den Spielern abermals große Mitspracherechte.

Für die Zocker unter uns ist der Würfelmechanismus von The Pool sicher ein Genuss. Neben den durch die eigenen Traits verfügbaren Würfel kann man seinen Pool um „freie“ Bonus-Würfel erweitern. Gewinnt man die Probe ist alles gut, doch wenn man verliert, dann verliert man auch die eingesetzten freien Würfel. Zocken bringt halt auch das Risiko mit sich, auf einmal dumm aus der Wäsche zu gucken!

Das kann nicht gut gehen!

Hört sich chaotisch an? Vielleicht, ich würde aber „dynamisch“ bevorzugen. Kann gar nicht funktionieren? Oh doch, es funktioniert sogar hervorragend. Wie soll der Spielleiter denn so etwas planen können? Ganz klar: Gar nicht. Er muss sich tatsächlich auf sein Talent zur Improvisation verlassen, er muss die Ideen der Spieler aufgreifen, daraus einen Handlungsrahmen basteln. Er muss Vertrauen in seine Spieler haben, und die Spieler müssen dieses Vertrauen sorgsam behandeln. Natürlich kann man einfach ein Veto-Recht einbauen (und das habe ich auch immer so gehandhabt), aber dieses sollte dann für alle gelten, nicht nur den Spielleiter. Es fordert eine andere Herangehensweise an einen Rollenspiel-Abend: Den kooperativen Ansatz. Als Spielleiter hat man bestenfalls eine Grundidee im Kopf, die man flexibel anpassen kann. Zusammen mit seinen Spielern entwickelt man die Geschichte dann weiter und freut sich am Ende über ein spannendes und garantiert nicht auf Schienen gebautes Abenteuer!

Ein Schwachpunkt sei aber erwähnt. Der Würfelmechanismus lädt besonders taktisch denkende Spieler zu einem gewissen Missbrauch ein. Durch das Sammeln von Bonuswürfeln ohne gleichzeitig welche zu riskieren kann man sich einen großen Pool aufbauen, mit dem die Erfolgswahrscheinlichkeit gen 100% geht. Andererseits wird man ohne die freien Würfel die meisten Proben verlieren. Doch die Lösung naht in Form von „Anti-Pool“, einer einfachen Variante, bei der man die eingesetzten freien Würfel bei einem Erfolg verliert und beim Misserfolg behält. Dadurch wird das Spiel deutlich besser ausbalanciert.

Was kann man damit spielen?

Prinzipiell ist alles denkbar, von High Fantasy bis Science Fiction. Man muss sich aber im klaren darüber sein, dass alle Spieler eine möglichst konsistente Vorstellung von der Welt haben, um die Grenzen ihrer Fähigkeiten zu verstehen und die Story im Rahmen zu halten. Am besten funktioniert es daher für mich als System zu bekannten Welten. Zusätzlich sollte das düstere Element nicht zu großen Anteil haben. Horror setzt für mich ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Ausweglosigkeit voraus und ist daher mit diesem Spielsystem schwieriger umzusetzen. Außerdem werden Freunde ausgefeilter Kampfsysteme natürlich enttäuscht sein…

Und wo bekommt man es?

Die Originalversion, unverändert als Rich Text Format, findet sich nach wie vor auf der Rollenspiel-Seite der Homepage des Autors.

Inzwischen gibt es zwei Übersetzungen ins Deutsche, eine erweiterte und illustrierte Version, freundlicherweise von Florian Edlbauer auf seiner Rollenspiel-Seite zur Verfügung gestellt, sowie eine möglichst originalgetreue Übersetzung, die leider aktuell nur für registrierte Mitglieder in einem Thread im Tanelorn-Forum verfügbar ist.

The Pool hat unzählige Rollenspieler inspiriert und zu diversen verwandten Systemen geführt. Die besten dieser Varianten sind auf dieser Crackmonkey-Seite (Besuch auf eigene Gefahr) versammelt. Ich würde jedem dringend Anti-Pool ans Herz legen, meine Erfahrungen damit sind noch besser als mit dem Original Pool. Einige dieser Varianten sind ziemlich detailliert und lassen die Inspirationsquelle kaum noch erkennen. Die nicht vollständige und anscheinend auch nicht mehr gepflegte Liste ist auf jeden Fall gespickt mit tollen Ideen um noch mehr Spielspaß aus dem einfachen Grundprinzip zu ziehen.

Fazit

The Pool ist der ideale Einstieg in das Indie-Rollenspiel. Einfache Mechanismen mit durchschlagender Wirkung, ein kurzer, prägnanter Text mit guten Beispielen, der auch noch in Übersetzung vorliegt sowie die unendlichen Möglichkeiten die das System eröffnet machen es sowohl für Rollenspiel-Einsteiger als auch für alte Würfel-Hasen reizvoll. Die kleinen Ecken und Kanten kann man dabei getrost in Kauf nehmen oder mit einer der zahlreichen Varianten ein wenig nachschleifen.

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