Indie-RPGs und der Mainstream neu interpretiert

Über das Leben

Jahrzehntelanger Raubbau an der Natur hat die Erde in einem katastrophalen Zustand hinterlassen. Der Klimawandel beschert dreckigen Dauerregen, fast alle Tiere und Pflanzen sind bereits ausgestorben und werden nur noch in Zuchtprogrammen gehalten oder als künstliche Lebewesen geschaffen. Wer es sich leisten kann, der verlässt seinen Heimatplaneten und beginnt ein neues Leben in einer der Kolonien, die von den Androiden etabliert worden sind. Doch selbst diese Hoffnung ist teuer und führt nur in eine ungewisse Zukunft. Die Regierungen sind schon lange dem Druck der allmächtigen Megakonzerne nicht mehr gewachsen und räumen ihnen quasi Autonomität ein. Recht bekommt in den meisten Fällen derjenige, der es sich kaufen kann.

Gesellschaft

Die Menschheit lebt in ungeschriebenen Hierarchien, angefangen von  dem Bodensatz der Gesellschaft, der in den tiefen Häuserschluchten haust und nie im Leben Sonnenlicht zu Gesicht bekommen wird. Für diese armen Kreaturen gibt es nur den täglichen Kampf ums Überleben, sie leben von den Abfällen der besser gestellten. Am anderen Ende der Skala residieren die Reichen in ihren sonnendurchfluteten Penthouses an der Spitze der Wohntürme, essen kultiviertes echtes Gemüse und Obst und erfreuen sich sogar an künstlichen Haustieren. Nur aus purer Nostalgie (oder geschäftlichen Interessen) bleiben sie noch auf der Erde, für sie wäre eine Umsiedlung in die neuen Kolonien ein Kinderspiel. Gerade in den benachteiligten Bevölkerungsschichten herrscht ein Mischmasch aus verschiedenen Ethnien, gesprochen wird CitySpeak. Auch bei Lebensanschauung und Religion ist die Vielfalt unglaublich.

Eine letzte Bastion für Gerechtigkeit ist zugleich verehrt wie gefürchtet, in jedem Falle aber respektiert: Die EdgeRusher. Auf ihrer Suche nach entflohenen Androiden durchkämmen sie Bezirk um Bezirk, lassen sich bis auf das Straßenniveau herab und sind dort die einzige Autorität, die zu allem legitimiert ist.

Androiden

Die Kolonisation fremder Welten ist nicht nur eine gefährliche Arbeit, sie ist in den meisten Fällen ein Selbstmordkommando, auch wenn man über die beste Ausrüstung und das härteste Training verfügt. Aus diesem Grund wurde diese Aufgabe wie auch der extraterristrische Rohstoffabbau und natürlich die Kriegsführung auf Androiden abgewälzt, die von Generation zu Generation perfekter wurden. Mit fortschreitender technischer Perfektion wurde auch die künstliche Intelligenz immer weiter entwickelt, bis es nötig wurde den Androiden vorzutäuschen echte Menschen zu sein. Doch eines Tages geschah das unabwendbare, über die Täuschung und Ausbeutung entsetzt rebellierten die Androiden. Und so ziehen seither immer wieder Androiden allein oder in kleinen Gruppen durch das All, versuchen bis zur Erde zu kommen um sich an den Menschen zu rächen. Oder haben sie andere Motive? Niemand weiß es! Nur eines ist klar, sie haben kein Mitleid, sie sind übermenschlich stark und widerstandsfähig und sie haben nichts zu verlieren, denn ihre Lebenszeit begrenzt und kurz.

Dörfer (=Bezirke, Viertel, Blocks)

Natürlich ziehen die EdgeRusher nicht von Dorf zu Dorf, sondern durchkämmen viel mehr Bezirk für Bezirk, in sich geschlossene Einheiten von mehreren Blocks Größe, die von ihren umgebenden Bezirken durch verschiedene Dinge isoliert sind. Einerseits kann dies eine bauliche Isolierung sein, riesige überirdisch verlaufende Rohre, umzäunte Strom- oder Datenleitungen, Schienenanlagen oder einfach die gewaltigen Fundamente einer der gigantischen Pyramiden der Großkonzerne. Andererseits ist aber auch gesellschaftliche Isolierung denkbar, sei sie nun ethnischer Natur („China Town“, „Little Odessa“ usw.) oder aber durch verschieden dominante kriminelle Organisationen oder Gangs. Wie auch immer, die Spieler sollten innerhalb eines Bezirks das klassische DitV-Dorf-Gefühl erleben, eine überschaubare, abgeschlossene und nach außen misstrauische Bevölkerung.

Nahrung, Kleidung, Technologie und Fortbewegung

Mit dem Sterben von Tieren und Pflanzen wurde Nahrung zu einer kostbareren Ware als es jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit war. Als universell verfügbare Nahrungsquelle sind nur noch chemisch hergestellte Proteine von Bedeutung, die mit Farb- und Aromastoffen sowie durch Konsistenzanpassung in verschiedene Formen und Geschmacksrichtungen gebracht wird. Besonders beliebt sind sie als gepresste nudelartige Stränge, die in einer Eletrolytsuppe serviert werden. Die Ultrareichen dagegen können nach wie vor echte Früchte genießen und einigen wenigen ist sogar richtiges Fleisch vergönnt.

Während die Oberschicht sich echte Naturstoffe leisten kann und zu besonderen Anlässen auch trägt, ist für die breite Masse nur eine Vielzahl an Kunststoffen erschwinglich. Im überzogenen 80iger Jahre Look sind Ganzkörpernetzstumpfhosen und Bikinis unter durchsichtigen Regenmänteln genau so möglich wie orangefarbene Hare Krishna Kutten, vernietete Lederimitathosen und -Mäntel oder aber der klassische Trenchcoat. Schmuck in Form von ausgefallenem Make-Up (mit der Airbrush-Pistole aufgetragen) oder umfangreichen Tätowierungen ist ebenso normal wie die gleichermaßen funktionale und kleidsame Gasmaske. Aufgrund der Witterung sind hohe, geschlossene Schuhe, lange Mäntel und der allgegenwärtige Regenschirm fast schon Pflicht.

Für die meisten Menschen besteht kein Bedarf an motorisierten Transporten, sie bewegen sich lebenslang nur innerhalb eines kleines Gebietes zu Fuß oder per Fahrrad. Für die wenigen längeren Fahrten stehen Elektro-Autos und Taxis zur Verfügung. In Regierungs- und Konzerndiensten sowie für erlesene VIPs stehen „Spinner“ zur Verfügung, senkrecht startend und landende flugfähige Autos. Natürlich verfügen die EdgeRusher über einen Spinner.

Die technischen Fortschritte der letzten Jahre haben vieles vorher undenkbare möglich gemacht. Der Ersatz von verlorenen Gliedmaßen und Augen ist jederzeit möglich, mit deutlichen Abstrichen bei Qualität und Zuverlässigkeit durchaus auch auf der Straße. Der Ersatz von Organen oder Nervengewebe ist aber weiterhin unmöglich. Computer bestimmen den Alltag, sie sind für die Menschen zum ständigen Begleiter geworden. Doch die Technik hat sich ganz anders entwickelt als in unserer Welt. Die Miniaturisierung fand nie statt, Computer sind groß und klobig, Bildschirme ausladend und schwer. Drahtlose Verbindungen gibt es nur in Ausnahmefällen, sonst sind fingerdicke Kabel die Regel.

Waffen

Die Standardwaffe eines EdgeRushers ist sein Blaster, ein klobiger, überdimensionierter Revolver, der dafür aber auch einen Androiden nieder strecken kann. Eine deutlich unhandlichere Karabinerversion ist aber ebenso im Einsatz wie ein an eine abgesägte Schrotflinte erinnerndes Modell. Die normalen Polizeieinheiten verfügen nur selten über tödliche Schusswaffen und sind üblicherweise mit Tasern, Elektro-Schlagstöcken und -Handschuhen ausgestattet. Bis auf wenige VIPs und Kriminelle sind Schusswaffen erstaunlich wenig verbreitet, vermutlich wegen der hohen Kosten für die illegale Beschaffung und die noch teurere Munition. Gerade auf den Straßen finden sich einfache Waffen mit hoher Gefährlichkeit wie Messer, Totschläger oder auch selbst gebaute Pistolen, die zwar wenig vertrauenerweckend anmuten, aber dennoch durchaus tödlich sein können.

Architektur

Der Molloch von Stadt ist keineswegs ein einheitliches Gebilde. Historische Gebäude, die seit Jahrhunderten unverändert erscheinen, wechseln sich mit hochmodernen, weit in den Himmel aufragenden Glaspalästen ab. Aber auch die Fassade kann täuschen: Manche alten Gebäude sind im Inneren kaum wiederzuerkennen, dafür sind einige der modernen Wolkenkratzer bewusst altmodisch eingerichtet. Auch japanische Stilelemente finden sich gehäuft in allen Bereichen des Lebens. Vorherrschend ist ein Hang zur Gothik mit trotzigen Mauern, martialisch wirkenden Verzierungen und kleinen Fenstern. Zwischen den sich gen Himmel türmenden Gebäuden haben sich einfache Behausungen und Slums gebildet, oft nicht mehr als ein bisschen wasserdichte Plane, die die Häuserschluchten überbrücken.

Der Glaube

Die Einwohner einer Megacity in EdgeRusher kommen aus allen nur erdenklichen Kulturkreisen und haben ihre eigenen Religionen mitgebracht, diese abgewandelt und angepasst, bis eine undurchschaubare Menge an neuen und alten Glaubensrichtungen entstanden ist, in der quasi jeder seinen eigenen Glauben finden kann. Doch im Gegensatz zu den klassischen DitV-Settings ist der Glaube hier nicht von Bedeutung. Die Spieler sind keine Glaubenswächter und müssen sich daher nur begrenzt mit Religion auseinandersetzen.

Die Sünden (=Verbrechen)

Auch die Sünden bedürfen einer Anpassung für dieses spezielle Setting.

  • Unrecht (analog zu Injustice) besteht…
  • … und führt zu Konsequenzen (analog zu Demonic Attacks)
  • Sympathisieren mit Androiden
  • Aktive Unterstützung der Androiden
  • Hass, Gewaltverbrechen und Mord

Polizei-Prozeduren: Zeremonien

  • Erste Hilfe, mit einem DrugPatch: Anointing with sacred Earth + Laying on Hands
  • Bei vollem Namen und Identifikationsnummer rufen: Calling by Name
  • Als EdgeRusher identifizieren (Flash the Badge): Invoking the Ancients
  • Salutieren: Making the Sign of the Tree
  • Miranda Warning (Auskunftsverweigerungsrecht) aussprechen: „You have the right to remain silent. Anything you say can and will be used against you in a court of law. You have the right to speak to an attorney. If you cannot afford an attorney, one will be appointed to you. Do you understand these rights as they have been read to you?“: Reciting the Book of Life
  • Die Polizeihymne singen (Seien wir ehrlich, das passt einfach nicht. Ich würde es einfach weglassen, vielleicht fällt aber jemanden von Euch etwas besseres ein? Über Kommentare freue ich mich immer.): Singing Praise
  • Sich gegenseitig absichern / Feuerschutz geben: Three in Authority

Dämonen

Es gibt keine Dämonen, es handelt sich um eine aufgeklärte Welt, in der zwar alle möglichen und unmöglichen Religionen existieren, niemand aber wirklich an Dämonen glaubt. Als „Besessene“ dienen die Androiden. Der dämonische Einfluss ist aus regeltechnischer Sicht notwendig und wird durch „Gewaltbereitschaft“ oder „Korruption“ ersetzt.

Regelanpassungen zusammengefasst

  • Der dämonische Einfluss wird wo nötig durch „Gewaltbereitschaft“ oder „Korruption“ ersetzt.
  • Androiden gelten als Besessene mit den für sie typischen Fähigkeiten. Allerdings sind sie äußerlich nur schwer als solche zu erkennen.

Inspirationen, Tipps für die Umsetzung

Für die wenigen, vermutlich einfach zu jungen, die nicht schon beim Lesen des Titels und erst recht nach dem Rest des Artikels ganz genau wissen, welche Inspirationsquelle ich hatte, sei einer der großartigsten, düsteren Science-Fiction Filme aller Zeiten empfohlen, der das Genre des Cyberpunk wohnzimmertauglich gemacht hat: Blade Runner. Natürlich sind auch anderen klassische Cyberpunk-Erzählungen hervorragende Ideengeber, alle Vorweg die Neuromancer-Trilogie. Geprägt hat mich auch die geniale Max Headroom Fernsehserie, die an Cyberpunk kaum noch zu übertreffen ist.

Einige Dinge sind wichtig für die passende Stimmung im Spiel:

  1. An die 80iger Jahre denken, bei allem was Mode, Architektur, Technik und Zukunftsvisionen angeht. Schlechter Geschmack ist in, im Zweifelsfall alles übertrieben und dick aufgetragen vorstellen.
  2. Japan ist omnipräsent. Japanische Schriftzeichen, Japanisch anmutendes Essen, Kimonos und Geishas kann es nicht genug geben.
  3. Der Grundton ist düster, hoffnungslos. Die Sonne scheint nie, es regnet nahezu immer, die Beleuchtung ist entweder viel zu schwach oder grell und farbig, gerne auch flackernd. Alles wirkt gebraucht, verbraucht und defekt. Nichts ist weich oder rund, alles eckig, spitz und kantig.

Viel Erfolg!

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