Indie-RPGs und der Mainstream neu interpretiert

Greg Stolze ist eine vor allem für Indie-RPGs bekannte Persönlichkeit, der aber auch in White Wolfs Diensten an der alten World of Darkness geschreiben hat. Zu seinen bekanntesten Werken gehören sicherlich das hervorragende Unknown Armies und eine ganze Reihe von Spielen, die auf seiner „One Roll Enigne“ basieren: Godlike, Wild Talents, Nemesis, A Dirty World, Reign und einige andere. Dieser Meilenstein der RPG-Entwicklung steht nun mit dem One Roll Engine Toolkit von Dorian Thomas Hawkins als kostenlose Version zur Verfügung, zusammen mit hilfreichen Informationen, wie man die Regeln an das gewünschte Setting anpassen kann.

Und was ist daran so besonders?

Die große Stärke der ORE Regeln ist die Möglichkeit komplexe Vorgänge mit simplen Mechanismen abzubilden und dabei das Würfeln auf ein Mindestmaß zu begrenzen. Grundlegend ist es ein Poolsystem mit d10, doch es wird weder der höchste oder niedrigste Wert noch irgendwelche Summen gesucht. Entscheidend ist die Anzahl der Würfel mit gleicher Augenzahl und deren Wert. Damit ergibt sich die elegante Möglichkeit aus einem Wurf zwei Werte abzuleiten, standardmäßig ist es bei ORE die Qualität der Höhe des Würfelwertes und die Geschwindigkeit der Anzahl der Würfel zugeordnet. Natürlich ergeben sich damit immer wieder Konflikte für die Spieler wenn es zu entscheiden gilt, ob es besser ist ein „hohe“ oder ein „breites“ Ergebnis zu haben.

Ein weiterer Glanzpunkt der Regeln ist die schnelle, unkomplizierte und faire Umsetzung von multiplen Handlungen. Unabhängig von der Anzahl der geplanten Aktionen steht dem Spieler nur ein Wurf zu, er muss für jede Aktion die nötigen „Würfelpaare“ bekommen, zusätzlich wird ihm der Wurf durch Würfelabzüge erschwert. Wiederum gilt: Ein Wurf erklärt nicht nur wie schnell und gut man war, sondern auch noch welche multiplen Handlungen man wie geschafft hat. Genial einfach!

Auch bei den Kampfregeln ist die aus einem Würfelwurf extrahierte Menge an Informationen unglaublich groß. Nach dem obligatorischen Initiative-Wurf sagen die Spieler in umgekehrter Reihenfolge (der Schnellste zuletzt) ihre geplanten Aktionen an. Dann werden die passenden Würfelpools geworfen und die Aktionen aufgelöst. Hier ist nun die Breite“ eines Wurfs der Indikator für die Schnelligkeit und damit die Frage, welche Aktion wann stattfindet. Die „Höhe“ gibt dabei die Qualität an, in Fall von Angriffen ist damit auch eine Lokalisation der Trefferzone möglich. Als klassisches Beispiel ist der Scharfschütze zu nennen, der zwar einen tödlichen Kopfschuss erwürfelt hat, den aber nicht umsetzen kann, weil sein Ziel schneller war und sich in Deckung begeben hat.

Das kann nicht gut gehen!

Auf den ersten Blick erscheint die Anzahl an Informationen verwirrend und erschlagend, die Regeln hören sich sehr komplex an. Und sicherlich gehört ORE nicht zu den regelarmen Rollenspielsystemen, die ich sonst hier vorstelle. Aber es ist „guter Crunch“, die Regeln sind konsistent, logisch und schnell. Von der Komplexität mag es auf den ersten Blick mit d20 oder gar dem Shadowrun-System vergleichbar zu sein, in der Realität spielt es sich aber deutlich eleganter und schneller. Die optionalen Regeln passen wie Zahnräder in das vorhandene Grundgefüge, nirgendwo hat man das Gefühl, den bekannten Würfelmechanismus zu verlassen.

Was kann man damit spielen?

Hier spielt ORE seine ganze Stärke aus – es ist wirklich nahezu universell verwendbar. Greg Stolze selbst hat mit Godlike und Wild Talents das Superhelden-Genre mal ernst und düster, mal ein wenig verspielter dargestellt. Wer es mehr mit Gaslampen hat, der wird mit Kerberos Club glücklich werden. Auch Fantasy in den Abstufungen von mittelalterlich-tödlich bis magiedurchflutet-fantastisch ist mit den ORE-Regeln als Reign schon vorhanden und ergänzt das Regelgerüst um genial einfache Mechanismen, um in größeren Maßstäben zu spielen, mit ganzen Armeen und Königreichen. Wer das Horror-Genre mag kann auch mit der ORE sein Ziel erreichen, Nemesis und Monsters and Other Childish Things beweisen es eindrucksvoll. Und wer es nicht so sehr mit körperlichen, dafür mehr mit sozialen Konflikten hat, der kann beruhigt zur ORE greifen und sich an A Dirty World orientieren. Ergänzt wird das ohnehin schon beeindruckende Portfolio um zahlreiche liebevolle Fan-Umsetzungen anderer bekannter Settings. Mir fällt spontan wenig ein, dass sich nicht mit ORE spielen ließe. Im Gegensatz zu meinen sonstigen Indie-Empfehlungen sei aber eine Warnung ausgesprochen: Das ist kein regelarmes Spiel. Es ist ein Spiel für Freunde des Würfelns und des Taktierens. Wer nur ein leichtes Regelgerüst für eine erzähl-zentrierte Kampagne sucht, der wird von ORE vermutlich nicht so begeistert sein.

Und wo bekommt man es?

Der Autor hat das ORE Toolkit auf einer Unterseite seiner Homepage und bei dem 1000 Monkeys 1000 Typewriters Projekt gehostet.  Da es mit offizieller Erlaubnis von Greg Stolze und Arc Dream Publishing entstanden ist, wird es wohl auch erreichbar bleiben. Eine große Anzahl von fertigen Conversion gibt es beim Project NEMESIS.

Fazit

Wer ein schnelles Universalsystem sucht, dass dennoch sehr komplexe Vorgänge gut abbilden kann und viel Spielraum für taktische Kämpfe bietet, der wird mit den ORE-Regeln gut bedient sein. Insgesamt ist ein ein eher klassisches System, das um einen ungewöhnlichen Würfelmechanismus aufgebaut ist und vermutlich eher die Würfel- als die Erzählfreunde unter uns anspricht . Durch die konsistente Umsetzung eines einzigen Würfelmechanismus ist es trotz der Komplexität auch für Rollenspieleinsteiger geeignet.

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