Indie-RPGs und der Mainstream neu interpretiert

… niemand? Oder doch wir alle?

Immer wieder kommt der Vorwurf auf, der deutschsprachige Rollenspielmarkt sei altmodisch, langweilig, wenig kreativ und stünden im internationalen Vergleich schlecht da. Ich bin auch kein großer Freund von Engel (durch Verlagspolitik den Fans zunichte gemacht), Lodland (Fantastische Idee komplett nicht genutzt), Degenesis (Mit zu viel Augenmerk auf optische Gestaltung und zu wenig Gefühl für balancierte Regeln), Ratten (Zum Teufel, Ratten???) oder anderer Erzeugnisse der letzten Jahre. Aber meiner Meinung nach liegt das Problem eher wo anders. Rollenspiele sind ein altes Hobby, über die Jahrzehnte wurde so ziemlich jede nur erdenkliche Welt bespielt und vermarktet. Wo sollen neue Ideen da entstehen? Momentan scheint ein großer Teil der bedeutenden Neuveröffentlichungen aus neuen Editionen (Shadowrun, World of Darkness Classic, Exalted 3rd), Reprints (Original Dungeons & Dragons RPG „White Box“) oder im Geiste alter Spiele kreierte OSR zu bestehen. Aber ist es wirklich so schlimm, ist das RPG-Universum „gesättigt“?

Neue Settings

Vergangenes

Ein wenig Spielraum sehe ich noch bei den pseudohistorischen Settings. Mit New Fire ist gerade ein liebevoll gestaltetes Produkt erschienen. Und auch die hoch gelobten Serien (Qin, Yggdrasill, Keltia, Capharnaüm) von 7ème Cercle sind oft in diese Richtung einzuordnen. Wie wäre es mal mit einem Abenteuer-orientierten Rollenspiel im Indien der Kolonialzeit oder noch früher? Auch RPGs über die amerikanischen Ureinwohner sind noch dünn gesät. Allerdings kranken diese Settings oft an den zu engen Vorgaben, die potentielle Spieler abschrecken. Ohne dass sich die gesamte Spielgruppe mit dem Thema eingehend beschäftigt  ist oft kein gemeinsamer Erwartungshintergrund zu erreichen, daher sehe ich in diesem Bereich nicht all zu viel Potential.

Bekanntes

Die andere noch nicht ausgeschöpfte und glücklicherweise auch unerschöpfliche Nische sind Lizenzprodukte. Nicht nur Margret Weis Productions sind in diesem Sektor sehr aktiv. Aber machen wir uns nichts vor – Lizenzprodukte sind selten wirklich für alle Beteiligten befriedigend. Entweder die Fans fühlen sich über den Tisch gezogen, die Lizenznehmer nehmen nicht genug ein oder die Lizenzgeber sind unzufrieden mit der Entwicklung. Trotzdem gäbe es da durchaus ein paar für mich interessante Welten. Allen voran Bas Lag – und ich setzt ehrlich gesagt wenig Hoffnung in „Tales of New Crobuzon“ von Adamant Entertainment. Ich würde mich aber auch auf eine gelungene Umsetzung der Fantasy-Welt von Richard K. Morgans „Land Fit for Heros“-Reihe oder seiner Near-Future-Welt freuen. Ich erwarte die meiste „Innovation“ im Bereich der Lizenzprodukte.

Gemixtes

Die nächste Säule für mögliche innovative Rollenspiel-Projekte sind Cross-Over-Welten. Pelgrane Press dürfte diesen Bereich im Moment dominieren, meist mit dem Hauseigenen „Gumshoe“-System. Es ist erstaunlich, wie gut sich tatsächlich Superhelden und Copstories in Mutant City Blues, Vampirverschwörungen und Geheimagenten in Night’s Black Agents, Sci-Fi und Detektivgeschichten in Ashen Stars verbinden lassen. Die Zahl der weiteren Kombinationsmöglichkeiten scheint unbegrenzt, und so werden wir vermutlich auch immer mehr Cross-Over-RPGs zu Gesicht bekommen. Aber die Grenze zwischen „Cool“ und „Bescheuert“ ist nicht einfach zu erkennen…

Oder neue Regeln?

Auf der anderen Seite besteht natürlich immer die Möglichkeit, bekannte Welten mit neuen Regelsysteme zu bespielen, die über besondere Mechanismen mehr oder andere Spieler ansprechen als die bekannten Systeme. Dazu zählt sicherlich Apocalypse World, aber vor allem dem als „Hack“ entstandenem Dungeon World kommt eine wegbereitende Rolle zu. Auch sehr im Trend liegen Regelsysteme, die entweder ganz auch Spielleiter verzichten oder aber den Fokus auf die Einflussnahme der Spieler setzen. Viele dieser Produktionen sind bei kleineren Verlagen oder liegen ganz in Privathand. Die Crowdfunding-Möglichkeiten werden uns noch viele spannende Konzepte dieser Art ermöglichen.

Prognose

Ich sehe für den deutschsprachigen RPG-Markt in dem selben Maße harte Zeiten kommen wie für den internationalen englischsprachigen Raum auch. Neue Konzepte müssen her, neue Ideen, unverbraucht und frisch, mit innovativen Regeln. Aber es wird immer schwieriger werden, so etwas zu liefern, und vor allem werden die Ansätze zu immer weiter in Nischen ausgerichteten Rollenspielen führen. Die Zeit der großen Bestseller ist vermutlich vorbei, die Nischenrollenspiele, durch Crowdfunding finanziert, werden dem Markt die meiste Innovation bringen. Aber vielleicht irre ich mich auch und Shadowrun 5, D&D Next oder gar Splittermond schaffen es, eine Vielzahl der Spieler durch neue Ideen zu begeistern.

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Kommentare zu: "Neuen Rollenspiele braucht…" (4)

  1. Unsinn! Romanautoren wie Sanderson oder Mieville liefern neue interessante Setting (auch für Rollenspiele geeignet. Manche davon sogar schon umgesetzt als solche) am Fließband. Natürlich sind das bekannte / neu kombinierte Genres. Aber mit frischen Ideen, frischem Flair usw.
    Obwohl.. ein richtig ordentliches Weird Fantasy Setting kenne ich noch nicht.. warum eigentlich nicht!

    Der deutsche Markt ist vor allem eins: Klein. Eine winzige Nische in einem internationalen Nischenhobby. Noch zudem eins das %tual extrem viele hat, die kein Problem mit dem englischen haben.
    Also ist der deutsche Markt folglich noch eins: vorsichtig. Er verkauft, dass von dem er weiß dass es sich verkauft.

    Das es auch anders geht zeigt Frankreich doch!

    • Wer den ganzen Artikel liest ist klar im Vorteil, ich habe ja gerade Lizenzprodukte und sogar speziell die Umsetzung von China Miévilles Fantasy Welt Bas Lag hervorgehoben, aber auch die üblichen Probleme dieser Spielrichtung benannt.

      Ja, der deutsche Markt ist klein, aber ich sehe nicht so recht, wo die neu kreierten Rollenspiele auf diesem Markt „vorsichtig“ wären. Ganz im Gegenteil, ich sehe da viel experimentelles. Engel, Degenesis, Spherechild, Opus Anima – für mich sind das alles eher ungewöhnliche Konzepte. Die etablierten Verlage sind vor allem bei einer Sache etwas konservativ: Den Übersetzungen…

      Was hat denn der französische Markt, worauf wir neidisch schielen könnten? Ich gebe zu, dass ich mich dort nicht so gut auskenne, aber bislang ist mir nicht viel wirklich besonderes zu Ohren gekommen.

  2. Cpt.Future schrieb:

    Die letzten 30 Jahre zeigen, dass die deutschen Rollenspielentwicklungen zunehmen. Waren es in den 80iger Jahren noch vor allem Midgard und DSA, kamen in den 90iger Jahren einige wenige Spiele hinzu; in den letzten 10 Jahren ist die Zahl deutscher Rollenspiele – sowohl als wirtschaftliche, also Verlagsprodukte als auch als freie Spiele im Netz – erheblich angestiegen. Und die Spanne der Themen und der unterschiedlichen Spielsysteme ist sehr weitgehend. Deshalb fällt es mir schwer, eine „deutsche Unoriginalität“ festzustellen. Am Ende wird es doch eine sehr subjektive Entscheidung sein und bleiben, ob spezifische Rollenspiele einerseits als „Stangenware“ oder uninspirierte sowie uninspirierende Spiele empfunden oder andererseits als qualitativ ansprechende Highlights begriffen werden.

    Im Remix liegt die Lösung. Im Remix von mehr oder weniger bekannten Elementen bezogen auf die Raffinesse von Spielsystemen, die Originalität der Settings oder der Optik und Haptik des Spielmaterials einen Mangel zu sehen oder ein Rollenspiel als „Stangenware“ zu disqualifizieren, nur weil es eben in letzter Konsequenz ’nichts Neues‘ bietet, greift zu kurz. Denn mit der gleichen Konsequenz lässt sich feststellen, dass letztlich selbst der Urvater des Rollenspiels – nämlich D&D – nur ein Abklatsch war und sich überdies zu einer Stangenware entwickelt hat. Aber auch dieser hat seine Originalität eben dadurch erhalten, dass er die „soziale Komponente“ (gemeinsames Spiel, gemeinsame Vorstellungswelt (Räuber und Gendarme, Cowboy und Indiana, Held und Bösewicht) mit der überlieferten Fantasywelt (Herr der Ringe, Spielbücher von Ian Livingstone) gewonnen. Remix hat damals funktioniert. Und die Qualität früherer sowie aktueller D&D Produkte steht in jeder Hinsicht nicht in Frage – außer natürlich der des individuellen Geschmacks.

    Remix funktioniert auch heute noch. Auch in Deutschland. Gerade in Deutschland. Wenn andernorts vom „Rollenspiel Entwicklungsland“ gesprochen wird, dann werden bisherige Leistungen von kreativen Rollenspielern sowie Rollenspielverlagen nicht ausreichend gewürdigt. Dabei ist natürlich nicht auszuschließen, dass die individuelle „Müdigkeit“ zum Tragen kommen kann, wenn eben schon vieles ausprobiert und durchgespielt wurde und deshalb der „Sense of Wonder“ auch bei neuen Rollenspielprodukten abhanden kommt. Das ist dann aber nicht das Problem vermeintlich uninspirierter Rollenspielprodukte als mehr eine Frage dessen, ob man nicht unter Umständen gute Beraten ist, mal etwas Abstand zum geliebten Hobby zu finden, um es etwas später wieder zu kultivieren und dabei altes Liebgewonnes wieder zu würdigen oder aber (!) aus dem neu gewonnen Abstand die Lücken zu finden, auf denen sich überraschend ‚Neues‘ remixen lässt.

    Curtis

  3. […] der anderen Seite steht Against the Dark Yogi. Wer meine Beitrag Neue Rollenspiele braucht… gelesen hat, der weiss, das ich pseudohistorischen Settings mit hoffnungsvoller Erwartung […]

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